Hypnose
{{Dieser Artikel|beschäftigt sich mit dem Verfahren Hypnose. Für den Zustand siehe [[Hypnotische Trance]].}} '''Hypnose''' (von altgriechisch ὕπνος ''hýpnos'' „Schlaf“) bezeichnet ein Verfahren, um durch gezielte Suggestionen einen veränderten Bewusstseinszustand, die sogenannte [[Hypnotische Trance|hypnotische Trance]], herbeizuführen. In diesem Zustand ist die Aufmerksamkeit stark fokussiert und die Suggestibilität erhöht, während das kritische Denken vorübergehend reduziert sein kann. Hypnose wird sowohl in der klinischen Praxis als auch im Unterhaltungsbereich (Bühnenhypnose) eingesetzt. Sie ist kein Zustand der Bewusstlosigkeit oder des Schlafes, sondern vielmehr ein Zustand hochkonzentrierter, nach innen gerichteter Aufmerksamkeit. == Definition und Überblick == Hypnose ist ein interaktiver Prozess, bei dem eine Person (der Hypnotiseur) einer anderen Person (dem Hypnotisanden) verbale und nonverbale Anweisungen gibt, um eine hypnotische Trance zu induzieren. Charakteristisch für diesen Zustand sind: * Eine **hohe Fokussierung der Aufmerksamkeit** auf bestimmte Vorstellungen, Gedanken oder Erinnerungen. * Eine **erhöhte Empfänglichkeit für Suggestionen**, die mit den Zielen der Hypnose vereinbar sind. * Eine vorübergehende **Reduktion der peripheren Wahrnehmung** und des kritischen Denkens. * Häufig ein Gefühl der tiefen Entspannung und Losgelöstheit. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem **Verfahren Hypnose** und dem daraus resultierenden **Zustand der hypnotischen Trance**. Hypnose wird nicht „gemacht“, sondern gemeinsam mit dem Hypnotisanden erzeugt; sie erfordert dessen Kooperation und Einwilligung. Eine Person in Trance behält stets die Kontrolle und kann keine Handlungen ausführen, die gegen ihre moralischen Grundsätze oder ihren Willen verstoßen. Der Mythos der vollständigen Fremdbestimmung ist wissenschaftlich widerlegt. == Geschichte der Hypnose == Die Wurzeln hypnotischer Phänomene reichen bis in die Antike zurück. Rituale in **Tempelschlafstätten** im alten Ägypten und Griechenland (Asklepieia), bei denen Priester suggestive Heilungsrituale durchführten, weisen Parallelen zur modernen Hypnose auf. === Mesmerismus und Animalischer Magnetismus === Der Beginn der modernen Hypnosegeschichte wird üblicherweise mit **Franz Anton Mesmer** (1734–1815) verbunden. Mesmer ging von der Existenz eines unsichtbaren „**animalischen Magnetismus**“ aus, einer fluidalen Kraft, die alle Lebewesen durchdringe und deren Ungleichgewicht Krankheiten verursache. Durch magnetische Pässe (Handbewegungen) versuchte er, dieses Gleichgewicht wiederherzustellen. Seine spektakulären Behandlungen, die oft zu emotionalen Ausbrüchen („Krisen“) führten, waren zwar wissenschaftlich nicht haltbar, etablierten aber die Idee, dass psychische Prozesse körperliche Symptome beeinflussen können. === Vom Mesmerismus zur wissenschaftlichen Hypnose === Der englische Chirurg **James Braid** (1795–1860) distanzierte sich vom magnetischen Fluidum. Er prägte 1843 die Begriffe **„Hypnose“** und **„Hypnotismus“** (abgeleitet von Hypnos, dem griechischen Gott des Schlafes) und erkannte, dass es sich um einen psychophysiologischen Zustand handelt, der durch monotone Fixation und Suggestion hervorgerufen wird. Braid gilt als Vater der wissenschaftlichen Hypnose. Im 19. Jahrhundert nutzten bedeutende Ärzte wie **Jean-Martin Charcot** in Paris Hypnose zur Erforschung der Hysterie, während die „Schule von Nancy“ unter **Ambroise-Auguste Liébeault** und **Hippolyte Bernheim** sie primär als Ergebnis von Suggestion und psychologischer Beeinflussung betrachtete. **Sigmund Freud** setzte Hypnose zunächst in seiner Psychoanalyse ein, verwarf sie später jedoch zugunsten der freien Assoziation. === Moderne Entwicklung === Im 20. Jahrhundert wurde Hypnose, trotz Freuds Abkehr, weiterentwickelt. Pioniere wie **Milton H. Erickson** revolutionierten die Methode durch indirekte und permissive Techniken. Die Gründung wissenschaftlicher Gesellschaften, etwa der **Society for Clinical and Experimental Hypnosis** (1949) und der **International Society of Hypnosis** (1973), sowie die offizielle Anerkennung als Therapieverfahren durch zahlreiche medizinische und psychologische Fachgesellschaften ab den 1950er Jahren markieren den Weg zur modernen Hypnotherapie. == Arten der Hypnose == Hypnose kann nach ihrem Anwendungskontext und ihrer Zielsetzung unterschieden werden. === Klinische Hypnose (Hypnotherapie) === Die **klinische Hypnose** oder **Hypnotherapie** wird von ausgebildeten Therapeuten (Ärzten, Psychologen) angewendet, um gesundheitliche Ziele zu erreichen. Sie ist ein **komplementärmedizinisches Verfahren** und zielt auf Linderung von Symptomen, Verhaltensänderung oder die Exploration unbewusster Konflikte ab. Die Arbeit erfolgt kooperativ und respektvoll. === Bühnenhypnose === Die **Bühnenhypnose** dient primär der Unterhaltung. Bühnenhypnotiseure selektieren aus dem Publikum häufig besonders suggestible Personen und führen mit ihnen unterhaltsame, oft skurrile Handlungen vor (z.B. das Vergessen der Zahl 7, das Gefühl, eine berühmte Person zu sein). Die wissenschaftliche Gemeinschaft betont, dass hier vor allem der **Plazeboeffekt**, Gruppendruck und die Erwartungshaltung der Teilnehmer eine Rolle spielen. Ethisch umstritten ist die potenzielle Bloßstellung der Teilnehmer. === Selbsthypnose (Autohypnose) === Bei der **Selbsthypnose** induziert eine Person den Trancezustand bei sich selbst, meist nach vorheriger Anleitung durch einen Therapeuten. Sie wird zur Stressreduktion, Leistungssteigerung („Mental Training“), Schmerzkontrolle oder zur Unterstützung therapeutischer Prozesse genutzt. Autosuggestion ist ein zentrales Element. === Regressionshypnose === Die [[Regressionshypnose]] zielt darauf ab, den Hypnotisanden gedanklich in frühere Lebensabschnitte zurückzuführen. In der Therapie kann eine **Altersregression** zur Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse genutzt werden. Hoch umstritten ist die sogenannte **Reinkarnationstherapie** oder „Regression in frühere Leben“, für die es keine wissenschaftlichen Belege gibt und die von seriösen Hypnoseverbänden abgelehnt wird. == Wirkmechanismen und Theorien == Es existiert keine alleingültige Theorie zur Hypnose. Verschiedene Modelle versuchen, die beobachteten Phänomene zu erklären. === Neodissoziationstheorie === Die einflussreiche **Neodissoziationstheorie** von **Ernest Hilgard** (1904–2001) geht davon aus, dass das Bewusstsein während der Hypnose in mehrere voneinander getrennte (dissoziierte) Ströme aufgeteilt ist. Ein Teil bleibt mit dem Hypnotiseur in Kontakt und folgt den Suggestionen, während ein „**versteckter Beobachter**“ (hidden observer) die Geschehnisse unbeteiligt registriert. Dies erklärt Phänomene wie Schmerzabschaltung (Analgesie), bei der der Schmerz zwar registriert, aber nicht emotional bewertet wird. === Sozial-kognitive (Rollen-)Theorien === Sozial-kognitive Theorien, vertreten durch Forscher wie **Theodore Barber** oder **Nicholas Spanos**, betonen die soziale Interaktion. Sie sehen Hypnotisanden nicht als passive Empfänger, sondern als aktive Mitspieler, die die Rolle einer hypnotisierten Person einnehmen und deren Erwartungen erfüllen. Die beobachteten Effekte seien auf Motivation, Erwartung, Konzentration und imaginative Fähigkeiten zurückzuführen, nicht auf einen speziellen Trancezustand. === Neurophysiologische Befunde === Moderne bildgebende Verfahren (fMRI, PET) zeigen, dass Hypnose mit spezifischen Veränderungen der Hirnaktivität einhergeht. Beispielsweise führt eine hypnotisch suggerierte Schmerzreduktion zu einer veränderten Aktivität im **anterioren cingulären Cortex** (ACC), einer Region, die an der Schmerzbewertung beteiligt ist. Dies belegt, dass Suggestionen physiologische Prozesse direkt modulieren können. == Anwendungsgebiete == Hypnose findet in verschiedenen medizinischen und psychotherapeutischen Bereichen Anwendung. Sie ist generell als **komplementäres Verfahren** zu sehen, das andere Behandlungen unterstützt. === Psychotherapie === In der Psychotherapie wird Hypnose zur Behandlung von **Angststörungen**, **Phobien**, **posttraumatischen Belastungsstörungen** (PTBS), **Depressionen** und zur **Stressbewältigung** eingesetzt. Sie kann helfen, Ressourcen zu aktivieren und problematische Verhaltensmuster zu verändern. === Schmerztherapie === Die **hypnotische Analgesie** ist eines der am besten erforschten Gebiete. Hypnose wird erfolgreich bei **chronischen Schmerzen**, **Migräne**, während **zahnärztlicher Eingriffe** und zur **Geburtsvorbereitung** (Hypnobirthing) angewendet. Die schmerzlindernde Wirkung ist mit der von Pharmaka vergleichbar. === Habit Control (Gewohnheitskontrolle) === Hypnose wird häufig zur **Raucherentwöhnung**, zur **Gewichtsreduktion** oder zur Behandlung von **Schlafstörungen** genutzt. Sie zielt darauf ab, unbewusste Motive für das unerwünschte Verhalten zu identifizieren und neue, gesündere Verhaltensmuster zu etablieren. === Weitere Anwendungen === * **Psychosomatische Medizin:** Behandlung von Reizdarmsyndrom, Tinnitus, Hauterkrankungen (Neurodermitis, Warzen). * **Onkologie:** Linderung von **Übelkeit** und **Ängsten** bei Chemotherapie, Stärkung der Immunfunktion (psychoneuroimmunologische Effekte). * **Leistungssteigerung:** Im Sport („Mental Training“), bei Prüfungsängsten oder zur Verbesserung von Konzentration und Kreativität. == Wissenschaftliche Forschung und Evidenz == Der wissenschaftliche Status der Hypnose hat sich in den letzten Jahrzehnten konsolidiert. Metaanalysen und kontrollierte Studien belegen die Wirksamkeit für bestimmte Indikationen. * **Starke Evidenz** liegt vor für: **Akute und chronische Schmerzbehandlung**, **Angstreduktion bei medizinischen Eingriffen**, **Linderung von Chemotherapie-induzierter Übelkeit** und als **unterstützendes Verfahren bei der Raucherentwöhnung und Gewichtsreduktion**. * **Gute Evidenz** gibt es für die Behandlung des **Reizdarmsyndroms** und von **Schlafstörungen**. * **Umstritten oder nicht ausreichend belegt** ist die Wirksamkeit bei der Regression zu angeblichen „früheren Leben“ oder bei der Steigerung der Erinnerungsgenauigkeit („hypnotische Hypermnesie“), die sogar zu **falschen Erinnerungen** führen kann. Hypnose wird von vielen nationalen und internationalen Fachgesellschaften, darunter der **Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)**, der **American Psychological Association (APA)** und der **Weltgesundheitsorganisation (WHO)**, als wirksames Therapieverfahren anerkannt. == Bedeutende Praktiker == * **Milton H. Erickson (1901–1980):** Der einflussreichste Hypnotherapeut des 20. Jahrhunderts. Er entwickelte die **Erickson'sche Hypnose**, die durch indirekte, metaphorische und permissive (einladende) Suggestionen gekennzeichnet ist. Seine Arbeit legte den Grundstein für viele moderne Therapieformen wie die systemische Therapie und das Neurolinguistische Programmieren (NLP). * **Dave Elman (1900–1967):** Ein amerikanischer Hypnotiseur, der eine schnelle, direkte Induktionstechnik für medizinische Zwecke entwickelte. Sein Fokus lag auf der **Hypnoanalyse** und der Arbeit mit Ärzten. Sein Buch „Hypnotherapy“ ist ein Standardwerk. * **James Braid (1795–1860):** Wie oben erwähnt, der Begründer der wissenschaftlichen Hypnose. * **Katharina („Käthe“) Bischoff (geb. 1951):** Eine der bekanntesten deutschen Hypnotherapeutinnen und Autorin mehrerer Standardwerke zur klinischen Hypnose. == Hypnose im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) == Im deutschsprachigen Raum ist Hypnose als Therapieverfahren etabliert und wird von vielen **Psychologischen Psychotherapeuten**, **Ärzten** und **Heilpraktikern** angeboten. * **Deutschland:** Die **Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie e.V. (DGH)** ist die wichtigste wissenschaftliche Fachgesellschaft. Sie bietet zertifizierte Aus- und Weiterbildungen an. Hypnotherapie ist als **Richtlinienpsychotherapie** im Einzelfall anerkennungsfähig, jedoch kein eigenständiges Richtlinienverfahren. Die Kosten werden von einigen gesetzlichen und vielen privaten Krankenkassen unter bestimmten Bedingungen übernommen. * **Österreich:** Hypnose wird von der **Österreichischen Gesellschaft für angewandte Hypnose und Hypnosetherapie (ÖGH)** vertreten. Die rechtliche Situation ist ähnlich wie in Deutschland. * **Schweiz:** Die **Schweizerische Gesellschaft für Autogenes Training und Hypnose (SGATH)** und die **Schweizerische Ärztegesellschaft für Hypnose (SÄGH)** sind bedeutende Organisationen. Hypnose wird von den Krankenkassen im Rahmen der **Komplementärmedizin** oft vergütet, insbesondere seit der Annahme der Verfassungsartikel zur Komplementärmedizin. Die Ausbildung zum Hypnotherapeuten ist nicht einheitlich geregelt, weshalb auf Qualitätssiegel und Zertifizierungen anerkannter Gesellschaften geachtet werden sollte. Bühnenhypnose unterliegt in Deutschland und Österreich keinen speziellen gesetzlichen Beschränkungen, in der Schweiz benötigen Bühnenhypnotiseure in einigen Kantonen eine Bewilligung. == Siehe auch == * [[Hypnotische Trance]] * [[Suggestion]] * [[Dissoziation (Psychologie)]] * [[Autogenes Training]] * [[Milton H. Erickson]] * [[Mesmerismus]] * [[Posthypnotische Suggestion]] * [[Hypnotherapie]] == Literatur == * Bongartz, W. (Hrsg.). (2008). ''Hypnose: Lehrbuch für Psychotherapeuten und Ärzte.'' Hogrefe. * Revenstorf, D. & Peter, B. (2009). ''Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin.'' Springer. * Erickson, M. H., & Rossi, E. L. (1979). ''Hypnotherapy: An exploratory casebook.'' Irvington. == Weblinks == * [https://www.dgh-hypnose.de/ Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie e.V. (DGH)] * [https://www.ishhypnosis.org/ International Society of Hypnosis (ISH)] [[Kategorie:Hypnose]] [[Kategorie:Psychologie]] [[Kategorie:Psychotherapie]] [[Kategorie:Komplementärmedizin]] [[en:Hypnosis]] [[fr:Hypnose]] [[es:Hipnosis]] [[it:Ipnosi]] [[nl:Hypnose]]